Albaniens Amazonen

Rhahime Rama zieht gedankenversunken an einer selbstgedrehten Zigarrette. Ihre Gesichtszüge sind von der harten Feldarbeit und dem entbehrungsreichen Leben hart geworden. Sie lacht selten, und wenn, dann ist es ein tiefes kurzes Männerlachen.

ALBANIENS AMAZONEN

Im Norden Albaniens haben Frauen der eigenen Weiblichkeit abgeschworen.
Denn nur als Männer können sie frei und selbstbestimmt leben.

Ausschnitte einer Reportage, entstanden auf einer abenteuerlichen Reise mit mit der Autorin Greta Taubert 


Gjuste Bardhi

Es ist kein Ort für eine Frau, diese Raststätte an der staubigen Fernverkehrsstraße von Fushe Kruje. Draußen im Hof bilden Autoreifen riesige Haufen, wenige Meter weiter baumelt rohes Schweinefleisch im Fenster spärlicher Verkaufsbuden. In der Blockhütte sitzen Männer bei Kaffee und Raki, im Hintergrund flimmert eine Nachrichtensendung über den Bildschirm. Gjuste Bardhi lässt sich schwerfällig auf einen der Holzstühle fallen, legt das rechte Bein auf dem linken Knie ab und zündet sich eine schmale Zigarette an. „Das habe ich alles allein aufgebaut“, sagt sie. „Dieses Restaurant und draußen den Reifenhandel.“ Ihr Kopf zeigt nickend in den Raum und schwingt nachdenklich nach. Ohne den Schwur, den sie vor vierzig Jahren abgelegt hat, wäre das nicht möglich gewesen. Den Schwur, keine Frau mehr zu sein. (…)

Qamile Stema

Wer verspricht zum Mann zu werden, schwört gleichzeitig auch für immer im Zölibat zu leben. „Sworn Virgins“ werden die Mannfrauen deshalb von der englischen Anthropologin Antonia Young genannt, verschworene Jungfrauen. (…)
Die 88-jährige Qamile kommt auf einen Stock gestützt durch den Garten der Nachbarin gewackelt. Noch in dem Moment, in dem sie die kleine feste Hand zur Begrüssung reicht, sagt sie: „Wenn du es machst wie ich, kannst du leben wie du willst.“ Ihre braunen Augen, über denen ein milchiger violetter Film liegt, schauen in diesem Moment eindringlich und belustigt. (…)